Der Blick auf die Tabelle könnte – insbesondere für einen Aufsteiger – besorgniserregender sein. Mit 16 Punkten liegt der FC auf dem elften Tabellenplatz und hat eine insgesamt sehr wechselhafte Hinrunde hinter sich. Doch der Trend ist eindeutig: Betrachtet man die letzten sechs Partien, belegt der FC mit lediglich zwei Punkten den letzten Platz. Ein zwischenzeitlich komfortabel anmutendes Punktepolster auf die Abstiegsränge ist auf aktuell vier magere Zähler geschrumpft.
Was haben wir in den ersten Spielen gejubelt und gestaunt: Da steht eine komplett veränderte FC-Elf mitsamt neuem Trainer auf dem Rasen und zeigt, wie man mit variablem und temporeichem Spiel auch als Aufsteiger in der Bundesliga nicht nur irgendwie mithalten kann, sondern mit attraktivem Fußball effektiv punktet. Die Neuzugänge, die wie beispielsweise Kristoffer Lund (US Palermo, 2. italienische Liga) aus unterklassigen Ligen kamen, funktionierten nahezu vollständig. Ein Jakub Kamiński, zuvor beim grauen Maus-Club VfL Wolfsburg sportlich weitgehend bedeutungslos, zündet plötzlich eine Rakete nach der anderen. Ein Marius Bülter, der sich im Herbst seiner Karriere fußballerisch wie kämpferisch vollends überzeugend präsentiert, wird zu einem unverzichtbaren Faktor im FC-Spiel. Und ein gewisser Said El Mala kommt bislang nur sporadisch zum Einsatz. Mensch – das wird ja eine Saison wie zu besten Baumgart-Zeiten!
Wir wären aber nicht der FC, wenn wir nicht der FC wären. Schon der 4:1-Sieg gegen den HSV kam mit sehr viel Glück zustande. Spielerisch hatte der FC in den Wochen zuvor bereits deutlich nachgelassen, doch die Punkte wurden weiterhin eingefahren.
Die Derbyniederlage gegen Borussia Mönchengladbach stellte schließlich einen Wendepunkt in der Hinrunde dar. In diesem Spiel war der FC erstmals mut- und ideenlos unterlegen – und dieser Eindruck verfestigte sich in den darauffolgenden Partien zunehmend. Die flotten Spielzüge, der unbändige Zug zum Tor, die überraschenden Momente – all das blieb auf der Strecke. Was blieb, waren oftmals starke Einzelleistungen von Said El Mala, die den FC am Leben hielten – aber nicht immer.
Lukas Kwasnioks permanente Wechsel in der Startelf, die zu Beginn der Saison von der Presse noch als geniale Schachzüge und als unberechenbar für den Gegner gefeiert wurden, verpufften zunehmend und sorgten für Verunsicherung bei Fans und Spielern. Dazu kamen großes Verletzungspech, eine eklatante Schwäche bei Standardsituationen sowie ein beispielloser Wahlkampf rund um die Vorstandswahlen beim FC. In der Summe führte all dies dazu, dass der Zauber der ersten Spiele schnell verflog.
Last-Minute-Gegentore wie im Heimspiel gegen den bis dahin absolut chancenlosen FC St. Pauli oder gegen Steffen Baumgarts Union Berlin führten zu zwei gefühlten Niederlagen – und zur Erkenntnis, dass der FC in der Rückrunde eine massive Leistungssteigerung zeigen muss, um nicht doch noch ein ernstes Wort im Abstiegskampf mitzureden.
Vier der fünf Gegner im Januar heißen Heidenheim, Mainz, Freiburg und Wolfsburg. Auf diese vier Partien kommt es an: Holt man hier eine respektable Punkteausbeute jenseits von sieben Zählern, sollte die Welt am Geißbockheim wieder in Ordnung sein. Ist dies nicht der Fall, wird der FC pünktlich zu Karneval in den Krisenmodus umschalten müssen – und dann darf und muss auch über Trainer Lukas Kwasniok gesprochen werden.
Andere Klubs wie Borussia Mönchengladbach und der 1. FSV Mainz 05 haben bereits reagiert und neue Trainer installiert – wenngleich sich diese Vereine in tabellarisch anderen Situationen befanden. FC-Sportchef Thomas Kessler ist lange genug beim FC und kennt aus der Vergangenheit zahlreiche mahnende Beispiele, bei denen die Verantwortlichen am Geißbockheim viel zu spät reagiert haben: Peter Stöger, Steffen Baumgart, Gerhard Struber – allesamt hätten rückblickend deutlich früher gehen müssen. Das darf dem FC im Kampf um die Etablierung in der Bundesliga diesmal nicht passieren.



