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Als der 1. FC Köln gestern gegen den Hamburger SV antrat, war für viele Fans schon klar, was passieren musste. Der HSV stand abgeschlagen am Tabellenende. Zwei 0:5-Niederlagen in Folge. Insgesamt 0:12 Tore aus den ersten drei Spielen. Der HSV hatte bis dahin kein einziges Tor geschossen.
Eigentlich war das genau das Spiel, in dem der FC zeigen konnte, dass man gegen die direkte Konkurrenz Spiele an sich reißen kann.
Stattdessen hat der 1. FC Köln verloren. Und viel wichtiger ist dabei nicht einmal das Ergebnis. Es ist die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist.
Natürlich hat der FC Chancen herausgespielt. Natürlich war man über weite Strecken die bessere Mannschaft. Aber eben nicht über die gesamten 90 Minuten. Und genau das ist es, was wir schon in den vergangenen Spielen beobachten mussten.
Beim FC fehlt eine klare Spielidee
Das Spiel des FC fußt – wie Julian Witzel vergangenen Woche bei den FC Thekenphilosophen sagte – viel zu sehr auf Individualität. Die Qualität dafür ist vorhanden. Thomas Kessler hat dem FC im Sommer viel Qualität hinzugefügt. Gleichzeitig konnte man mit Saïd El Mala sein größtes Talent halten. Dazu kommt fußballerische Erfahrung durch Spieler wie Marius Bülter oder Ragnar Ache. Ragnar Ache hat mit seinem gestrigen Tor gezeigt, was er kann. Und auch Ellyes Skhiri ist krisenvertraut und kann in einer Mannschaft spielerisch vorangehen. Aber gute Einzelspieler ergeben noch keine funktionierende Mannschaft. Und genau das ist derzeit das Problem.
Man hat viel zu wenig Bewegung. Zu oft kommt keiner entgegen. Zu oft bietet sich keiner richtig an. Zu selten gibt es Läufe, die Räume öffnen. Zu selten entstehen neue Passwege. Dadurch fehlt dem FC Dynamik.
Das war bereits in der vergangenen Saison zu sehen. Die sieben Spiele unter René Wagner haben ein ähnliches Bild gezeigt. Auch damals war häufig nicht klar zu erkennen, wie der FC ein Spiel kontrollieren und nach vorne tragen möchte.
Albert Riera nannte uns im ersten Spiel unter René Wagner gegen Frankfurt ein „Goalie-Team“. Marvin Schwäbe hatte damals gefühlt die meisten Ballkontakte. Langer Ball hier, langer Ball dort. Und am Ende kommen viele dieser Bälle nicht an oder werden nicht festgemacht.
Genau das darf aber nicht die Grundlage eines Spiels sein, wenn man einen Kader mit dieser Qualität hat. Es muss möglich sein, einen Ball flach anzunehmen. Es muss Spieler geben, die entgegenkommen. Es muss Bewegung geben. Es muss jemanden geben, der das Spiel lenkt und Bälle verteilt.
Das fehlt seit Wochen. Und es war schon vor der Saison erkennbar. Diese Themen ändern sich nicht.
Auch defensiv gibt es große Probleme
Denn es geht nicht nur um die Offensive. Auch defensiv hat der FC derzeit erhebliche Probleme. Zwei Gegentore gegen eine Mannschaft, die vor diesem Spiel noch kein einziges Tor erzielt hatte, muss man sich einmal vor Augen führen.
Der HSV war über weite Strecken kaum gefährlich. Und trotzdem sitzt der erste richtig gefährliche Ball direkt im Tor.
Das erste Gegentor fällt nach einer Ecke. Damit sind wir bei einem Thema, das den FC schon seit knapp einem Jahr begleitet: die Standardschwäche.
Natürlich wurde es zwischenzeitlich (noch unter Kwansiok) besser. Das Problem war aber nie wirklich gelöst. Wenn man über Monate weiß, dass man bei Standards Probleme hat und diese Probleme trotzdem immer wieder auftreten, dann ist das kein kleines Detail mehr. Dann ist es ein ernsthaftes Problem.
Gerade beim ersten Gegentor wird das deutlich. Vier Hamburger stehen komplett frei. Die Zuordnung stimmt nicht, die Kölner bekommen keinen richtigen Zugriff.
Auch in den vergangenen Spielen gab es immer wieder Situationen, in denen der FC bei Kopfbällen und hohen Bällen nicht konsequent genug verteidigt hat.
Zusätzlich kann man, nicht Spiel-spezifisch aber generell, auch über Marvin Schwäbe sprechen. Schwäbes Eins-gegen-eins ist seit Jahren eine seiner großen Stärken. Nicht nur seine Debütsaison 2021/22 hat gezeigt, auf welchem Niveau er spielen kann. Gleichzeitig bleibt seine Strafraumpräsenz ein Punkt, über den man diskutieren kann. Gerade bei hohen Bällen muss ein Torwart seiner Defensive Sicherheit geben – zu oft passiert dies nicht.
Das ändert aber nichts am größeren Problem. Die Fehler beginnen nicht erst auf der Torlinie, sondern vielmehr in der Organisation. Und damit sind wir wieder bei der Spielidee. Eine Handschrift ist derzeit nur schwer zu erkennen.
Der Kader hat Potenzial, aber es muss genutzt werden
Thomas Kessler hat im Sommer vieles richtig gemacht. Die Transfers sind spannend. Der FC hat nicht nur auf die bekannten Märkte geschaut. Man hat Talente von großen Vereinen geholt. Zwei Spieler von Manchester City (Jahmai Simpson-Pusey und Reigan Heskey) fest zu verpflichten, ist für den FC ein bemerkenswerter Schritt. Dazu kommt mit Mikey Moore eines der größten englischen Talente, auch wenn er nur auf Leihbasis und ohne Kaufoption zum FC wechselte.
Der Kader hat Potenzial. Jetzt muss dieses Potenzial aber auch genutzt werden.
Und genau hier muss sich Thomas Kessler eine Frage gefallen lassen: War René Wagner wirklich der richtige Trainer für diesen Kader?
Wagner ist ein guter Kommunikator, er kommt bei den Spielern offenbar gut an, er kann reden, er kann Dinge erklären. Aber irgendwann reichen Worte nicht mehr.
Die Durchhalteparolen auf den Pressekonferenzen und in Spielerinterviews hören wir nicht erst seit gestern. Man wolle kleine Stellschrauben verändern. Man wolle Dinge verändern. Man werde analysieren. Man werde darüber sprechen, dann werde es besser.
Diese Sätze kennen wir inzwischen.
Und natürlich kann sich eine Mannschaft hinter ihren Trainer stellen. Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Es darf aber nicht dazu führen, dass strukturelle Probleme über längere Zeit bestehen bleiben.
Denn wenn eine Mannschaft über mehrere Spiele hinweg zu wenig Bewegung zeigt, wenn der Spielaufbau immer wieder ähnlich aussieht, wenn Standards defensiv und offensiv nicht funktionieren und wenn die gleichen Probleme Woche für Woche auftreten, dann kann man irgendwann nicht mehr nur von einzelnen Fehlern sprechen. Dann geht es um die grundsätzliche Idee.
Beim FC ist seit Jahren vieles zu schnell wieder gut
Man steht über dem Strich, also ist es in Ordnung. Man hat gute Transfers gemacht, also wird es schon funktionieren. Man hat Talent im Kader, also wird sich die Mannschaft irgendwann finden. Aber das reicht nicht.
Gerade weil der FC mittlerweile einen Kader hat, der mehr hergibt. Ein Spiel gegen eine Mannschaft zu verlieren, die vor dem Spiel 0:12 Tore aus drei Spielen hatte, kann im Fußball passieren.
Es wird nur problematisch, weil diese Niederlage durch die immer gleichen Probleme und repetitiven Muster zustande kommt. Es muss sich einiges ändern, sonst kommt eine lange Saison auf uns zu. Das betrifft in erster Linie die Taten auf dem Platz, irgendwann dann aber auch die Verantwortlichen.
Am Ende reicht Individualität allein nicht über eine ganze Saison aus. Nicht, wenn die gleichen Probleme Woche für Woche auftreten und nicht, wenn eine klare Spielidee weiterhin nicht zu erkennen ist.
Wir haben unbestrittene Qualität, großes Talent und auch einiges an Erfahrung. Aber daraus muss schnell eine Mannschaft mit Spielidee werden, um dieses Potential immer und möglichst über 90 Minuten abzurufen.
Man muss sich die Frage stellen, ob hier nicht zu viel gewag(ner)t wurde!
~ Inside Müngersdorf Redaktion




